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Max Giesinger denkt, hinterfragt, bleibt nicht stehen, will weiter kommen. Schon immer hat er geahnt, dass in ihm ein Songwriter von hoher, vor allem aber eigenständiger Qualität steckt, aber es braucht eben seine Zeit, um zu finden, was das 'Eigene' überhaupt ist. Gerade, wenn man einen Umweg genommen hat, der nicht gerade zur künstlerischen Selbstfindung beiträgt. Sicher war seine Erfahrung, die er als Finalist bei „The Voice of Germany“ sammelte, eine wichtige – und wenn auch nur, „um herauszufinden, welchen Weg in dieser Branche ich auf keinen Fall gehen möchte“, wie er nachdenklich berichtet. „Dieses Gerede vom 'Produkt', von der Single, den Verkaufschancen – sicher verstehe ich, dass das für Musikfirmen wichtige Aspekte sind, aber es hat doch nichts mit dem Schaffensprozess eines Künstlers zu tun.“

Nach der großen TV-Hysterie folgte, anders als bei anderen Kollegen, die sich von diesen Auftritten womöglich zu viel erhofften, nicht die große Ernüchterung. Sondern vielmehr ein „Jetzt erst Recht“-Gefühl. Statt krampfhaft irgendeinem Deal hinterher zu hecheln, solange das TV-Eisen noch heiß ist, setzte er mit seinem Debüt-Album „Laufen lernen“ ganz auf das Gegenteil: die postmoderne Version des DIY-Gedankens – und finanzierte das Album via Crowdfunding. Die anvisierten 10.000 Euro hatte er bei seinen Fans innerhalb von 24 Stunden eingesammelt, „es kam zum Glück noch einiges mehr zusammen, was gut war, denn die 10.000 Euro hätten niemals gereicht für ein vernünftiges Album“. Wie schon dieses Debüt einen programmatischen Titel trug, so ist es nun auch mit seinem zweiten Album „Der Junge, der rennt“.  

Denn Max Giesinger läuft gern weite Strecken, um zu einem Punkt zu kommen, der ihn zufrieden stellt. Das war schon immer so, kaum dass er das kleine Dorf Busenbach in der Nähe von Karlsruhe verlassen hatte, in dem er aufwuchs. Nach dem Abi zog es ihn für ein halbes Jahr nach Australien, wo er sich seinen Lebensunterhalt als Straßenmusiker verdiente. Und es wird auch jetzt wieder unmittelbar klar, wenn er den Weg zu den Songs seines zweiten Albums beschreibt: „Ich habe mich vor einem Jahr hingesetzt und wieder angefangen, Lieder zu schreiben. Ich hatte schon 15 neue Songs am Start, bis ich in einer Session mit einem Kollegen 'Roulette' schrieb . Ich war total geflasht von dem Song und wusste dann in welche Richtung mein Album gehen soll, die restlichen Songs verwarf ich wieder."

Es klingt erstaunlich, einfach so viele Songs zu entsorgen, doch wenn man sich die nun vorliegenden anhört, versteht man warum. Betrachten wir „80 Millionen“: Da ist einer, der seinen Ursprung in einem kleinen Dorf hat, aber ständig unterwegs ist. Er erlebt dadurch nicht nur viel, sondern ihm wird ebenso die unfassbare Größe dieser Welt bewusst und wie häufig der Zufall, den viele auch als Schicksal beschreiben, entscheidend ist. „Always on the run“ – diese Person ist in einer Achterbahn aus Rastlosigkeit und Gefühlen gefangen. Umso deutlicher stechen besondere Momente heraus, in denen man auf einmal ganz klar denken kann und dabei ganz ungeplant den richtigen Menschen findet: die eine Person, die einen glücklich macht, in dieser unfassbar großen Welt. Diese Tatsache feiert der Song „80 Millionen“. Max erzeugt dabei ein Gefühl, das jeder kennt, und daraus leitet sich eine Gemeinschaftlichkeit ab, die jeden betrifft, zu der man, egal in welcher Phase man sich befindet, einen direkten Bezug aufbauen kann.

Oder „Wenn sie tanzt“, ein Stück über eine alleinerziehende Mutter, die alles für ihre Kinder gibt, kaum noch Platz für sich selber hat – und dann abends, wenn die Kids schlafen, ihren Eskapismus in Musik findet und mit ihrer Fantasie an die Orte aufbricht, zu denen sie hin strebt. Von einer anderen Variante der schönen Flucht erzählt „Ins Blaue“ - ein Duett mit der Deutschen Künstlerin Elif - wo ein Paar ganz einfach mal für einen Tag dem Alltagsstress entfliehen möchte und sich ein schönes Fleckchen in der Natur sucht. Die beiden haben sich und die Unberührtheit, mehr brauchen sie nicht. Auch dies sind Auswege, Fluchten, Momente des Wegkommens, die sich im Albumtitel „Der Junge, der rennt“ in schönen Metaphern verdichten. 

All das entstand zu großen Zügen an der Ostsee, wo sich Max für zwei Wochen mit seinem Produzenten Jens Schneider in einer Hütte in einem Rentnerdorf einschloss, um fokussiert an dem Album zu arbeiten. Vor Ort gab es kaum Menschen, dafür aber reichlich Schmuddelwetter. Höhepunkt des Tages war, als der Hausmeister vorbeikam um den Müll abzuholen. „Je mehr man schreibt, umso besser kommt man auch in den Prozess hinein, man wird schlicht immer besser darin, das Gute und Funktionierende vom Ungenauen und Überambitionierten zu unterscheiden“, sagt Max. „Ich hatte von Session zu Session mehr Ideen statt weniger. Ich habe derzeit das Gefühl, dass sich meine Kreativität, statt sich zu verbrauchen, erst so langsam immer mehr öffnet“, erklärt er, ganz selbstreflektiert. Das merkt man auch den Songs an: Manche der erzählten Geschichten sind höchst persönlich, andere hat er aus seinem Freundeskreis adaptiert und zu seinen eigenen gemacht. Alle stets so erzählt, dass jeder Hörer – ungeachtet seiner Herknuft, seines Alters oder seiner Lebenssituation – seine eigenen Erfahrungen dazu abgleichen kann. „Gerade hierin steckt doch eine große Qualität der deutschen Sprache: Man kann im Thema präzise und fokussiert sein, es aber gleichzeitig so erzählen, dass jeder seine ganz persönliche Geschichte damit in Verbindung setzen kann“, findet Max.

Um aus der eingangs erwähnten Komfortzone auszubrechen, verließ er rund um die Produktion der Platte auch seine süddeutsche Heimat und zog in den Norden, nach Hamburg, wo er nun mitten auf der Reeperbahn wohnt. „Mir blieb gar keine andere Wahl, nachdem meine besten Freunde und Mitmusiker, mit denen ich bislang in einer WG gewohnt hatte, mir eröffneten, dass sie geschlossen dorthin ziehen wollen. Letztlich war es eine gute Entscheidung, denn es hat mich tatsächlich aus meinem kleinen Kokon herausgeholt und dazu genötigt, mich selbst auch geografisch noch einmal ganz neu zu definieren.“ Auch hier rennt der Junge, zu neuen Ufern, einer neuen Mitte, die sich unmittelbar auf das Gefühl der Platte überträgt.

„Der Junge, der rennt“ ist damit – so viel darf man sagen – nicht unbedingt das Album des An-, aber umso intensiver des Weiterkommens. Es ist damit eine intime und intensive Momentaufnahme eines Künstlers, der bereits mit dem zweiten Album sehr viel mehr über sich weiß und versteht, als viele Kollegen, die auch beim vierten Album noch genau so klingen wie auf ihrem Debüt. Das wäre für Max Giesinger keine Option: „Was genau ist denn der künstlerische Prozess anderes, als dass man darum bemüt ist, immer wieder neue Facetten an sich selber zu finden, sie zu visualisieren und in Songs zu formen? Ich bin sehr froh, dass es mir schon mit dem zweiten Album gelungen ist, einen solch großen Schritt zu machen.“  

Wer dem neuen Album aufmerksam zuhört, der wird darauf einen Mittzwanziger entdecken, der mit großer Freude seine gefundene künstlerische Stimme ausformuliert und in Songs kleidet, die in ihrer dynamischen Vielschichtigkeit berühren, mitreißen und – dort, wo es angebracht ist – auch mal für einen Moment nachdenklich stimmen. „Ich liebe es, viel unterwegs zu sein und kann eigentlich auch nicht zu lang an einem Ort bleiben“, sagt Max Giesinger abschließend. "Ich habe erkannt , dass ich gerade diese Rastlosigkeit brauche und  liebe.“ Das Unterwegssein als Leitmotiv, immer in Bewegung sein, bloß nicht stagnieren. Das ist genau das, was Max Giesinger mit seinem zweiten Album getan hat.